Die Skeletten Zeit
Halloween erinnert uns einmal im Jahr daran, dass unsere Zeit begrenzt ist. Mit Humor, mit Kürbissen und mit Skeletten, die uns freundlich angrinsen. Ich finde, wir sollten diese Erinnerung ernster nehmen, als das Kostüm vermuten lässt.

Auf dem Sofa mit drei Skeletten
Ende Oktober saß ich auf einem alten, abgewetzten Samtsofa. Neben mir lehnte ein Skelett, als wäre es ein guter Freund, der schon länger da ist. Hinter uns zwei weitere, eins winkte mit einem Besen. Rundherum Kürbisse, Stroh, Herbstsonne.
Ich musste lachen. Und dann, ein paar Sekunden später, kam ein anderer Gedanke. Diese Herren hier haben alle Zeit der Welt. Ich nicht.
Halloween hat seine Wurzeln im keltischen Samhain, dem Übergang vom hellen in den dunklen Teil des Jahres. Die Grenze zwischen den Lebenden und den Toten galt in dieser
Nacht als besonders dünn. Heute verkleiden wir uns und essen Süßes. Die Frage dahinter ist geblieben: Was machen wir mit der Zeit, die wir haben?

Alle klettern, keiner weiß wohin
ein paar Schritte weiter gegangen stand ich im Wald vor einem riesigen Baum. Dutzende Skelette klebten an seinem Stamm, alle auf dem Weg nach oben. Manche hatten es fast geschafft, andere hingen auf halber Höhe fest. Ein paar saßen unten und schienen sich zu fragen, wofür das alles gut sein soll.
Ich kenne dieses Bild. Aus meinem früheren Leben als PR-Managerin und Leistungssportlerin. Und aus vielen Gesprächen mit Menschen, die zu mir kommen, weil sie nicht mehr können. Wir klettern. Wir optimieren. Wir haben Apps für Schlaf, Schritte und Wasser. Wir planen das Wochenende durch, damit es sich lohnt.
Und heimlich hoffen wir, so die Zeit ein bisschen festzuhalten. Mit dem richtigen Serum, der perfekten Morgenroutine, dem nächsten Ziel, nach dem dann endlich Ruhe ist. Doch die Ruhe kommt nicht. Der Hustle-Modus kennt kein Ende, er kennt nur die nächste Stufe. Die Zeit läuft trotzdem weiter. Sie lässt sich nicht anhalten, nur bewohnen.
Was uns wirklich gesund hält
Was unser Leben gut und gesund macht, ist erstaunlich gut erforscht. Die Harvard Study of Adult Development läuft seit 1938. Sie begann mit 724 jungen Männern, 268 Harvard-Studenten und 456 jungen Männern aus ärmeren Vierteln Bostons. Inzwischen gehören auch deren Kinder dazu.
Die Forschenden haben diese Menschen ihr ganzes Erwachsenenleben begleitet. Als die ersten 80 wurden, schauten sie zurück: Was hatte mit 50 vorhergesagt, wer gesund und zufrieden alt wird?
Sie tippten auf Cholesterin und Blutdruck - Falsch! Am stärksten sagte die Zufriedenheit in den Beziehungen voraus, wie gesund jemand mit 80 war.
Studienleiter Robert Waldinger erklärt das mit Stress. Einsamkeit ist ein Dauerstressor. Mehr Stresshormone, mehr Entzündung, und das nagt über Jahre an fast jedem System im Körper.
Gute Beziehungen puffern das ab. Waldinger hält Einsamkeit für ähnlich schädlich wie Rauchen.
Zwei Dinge daran finde ich tröstlich. Dabei kommt es auf die Qualität an, nicht auf die Anzahl der Kontakte. Und Streit gehört dazu: Auch Paaren, die sich öfter in den Haaren lagen, ging es gut, solange sie wussten, dass der andere im Ernstfall da ist.
Eine Einschränkung gehört der Ehrlichkeit halber dazu. Die Studie zeigt starke Zusammenhänge, sie beweist keine Ursache. Andere Forschungen weisen aber in dieselbe Richtung.

Zeit nicht festhalten, sondern bewohnen
Im Jetzt zu leben klingt nach Kalenderspruch. Im Alltag ist es eher ein Handwerk. Und der Körper ist dafür das beste Werkzeug, weil er nie in der Zukunft ist. Er atmet jetzt, er spürt jetzt.
Ein paar Dinge, die ich selbst übe und mit Klientinnen ausprobiere:
Bevor du jemanden triffst, drei ruhige Atemzüge. Klingt banal. Du kommst dann aber wirklich an, statt mit dem Kopf noch im letzten Termin zu hängen.
Handy weg, wenn jemand mit dir redet. Nicht umgedreht auf dem Tisch, sondern in der Tasche.
Einmal pro Woche eine Verabredung, die keinen Zweck hat. Ein Spaziergang, ein Kaffee, gemeinsam kochen. Nichts, was sich „lohnen“ muss.
Bewegung mit anderen. Tanzen, QiGong in der Gruppe, zusammen wandern. Wenn Körper sich im gleichen Rhythmus bewegen, entsteht Verbindung, oft ohne dass ein Wort fällt.
👉🏻 Und wenn du merkst, dass du wieder "kletterst": kurz anhalten. Füße auf den Boden. Und vielleicht bewusst schauen: Wer sitzt eigentlich gerade neben dir?
Wen rufst du heute an?
Die Skelette auf dem Sofa werden nächstes Jahr wieder da sitzen. Unverändert, geduldig, grinsend. Wir nicht. Wir werden ein Jahr älter sein und hoffentlich ein Jahr reicher an Momenten mit Menschen, die uns guttun.
Deshalb lautet meine Einladung an dich:
Nimm dir diese Woche Zeit für jemanden. Einfach so, ohne Plan. Und wenn du merkst, dass dir das schwerfällt, weil der Funktionsmodus längst übernommen hat, dann lass uns reden. In meinen Balance Sessions und im Programm Design Your Life geht es genau darum: wieder Platz zu schaffen für das, was dich wirklich nährt.
Mit wem möchtest du mehr Zeit verbringen?




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